Sehenswürdiges

Mittwoch, 1. September 2010

Marseille

Wappen-von-MarseilleWird Zeit, dass ich mal was über meine neue Heimatstadt loswerde - und heimisch kann sich der Bajuware hier durchaus fühlen, denn es gibt Parallelen, die nicht von der Hand zu weisen sind: Da ist einmal die Lage ganz im äußersten Süden. „Marseille, c‘est pas la France“, wurde mir schon eindringlich versichert. Stattdessen sei Marseille tatsächlich „the capital of Africa“ - ganz so wie München (und eigentlich ja ganz Bayern) nach Ansicht manchen Spaßvogels nicht zu Deutschland gehört, sondern klima- und lebensartmäßig die „nördlichste Stadt Italiens“ ist. Nicht nötig zu erwähnen, dass beide Städte ihren jeweiligen Hauptstädten schon lange auch sportlich ein Schnippchen schlagen und so mit OM und FCB den amtierenden Fußballmeister stellen. In Sachen landschaftlicher Schönheit macht beiden ebenfalls keiner so schnell etwas nach. Und während München auf den bekannten Föhn-Bildern direkt im Gebirge zu liegen scheint, ist es in Marseille auch ohne Mistral ganz schön bergig, außenrum sowieso, aber auch in der Stadt gehts ständig auf und ab.

Aber während der Münchner noch eine Autostunde hat, bis er auch nur seine Flosse ins „Bayerische Meer“, den Chiemsee, tauchen kann, ist das Mittelmeer hier in Marseille direkt vor der Haustür (im übrigen nicht immer Adria-Wohlfühl-Temperatur, wenn der Mistral pfeift!). Damit wars mit den Unterschieden aber auch noch lange nicht getan, denn sonst hätte ich ja gleich zu Hause bleiben können.

DSC09245 Denn: In Marseille ist es teilweise so dreckig, dass es fast schon wieder zum Lachen ist. Zum Beispiel, wenn man die Müllcontainer regelmäßig kaum mehr sieht vor lauter Unrat, der drumherum abgestellt ist. Wenn man den Zentner Hund fünf Meter vor sich auf die Straße sch...also koten und dann wieder zu Herrchen aufschließen sieht, das sich inzwischen elegant abgesetzt hat. Wenn man zu Pseudorecycling (also Glas - Papier - Rest) angehalten ist und dann beobachten darf, wie beim Entleeren doch wieder alles zusammen geschüttet wird. Wobei die „Sperrmüll-ist-immer-und-überall“-Praxis auch ihre guten Seiten hat, wie ich bereits erfahren durfte: Als ich heute mithelfen „durfte“, das alte Büro von Eurocircle von sämtlichen altem Grint zu säubern, lautete das Urteil über die meisten vergammelten Möbel schlicht „poubelle“, zu deutsch Mülleimer. Was konkret hieß: Stellen wir sie vors Haus, irgendwann nimmt sie schon jemand mit. Und tatsächlich mussten wir nicht einmal auf die Müllabfuhr warten. Noch während wir ausräumten, lud sich ein vorbeikommender Radfahrer die ersten noch brauchbaren Spanplatten auf. Hier gang und gäbe...
Nebenbei bemerkt: Den Sessel, der mittlerweile zur Wohnlichkeit meines Zimmers beiträgt, habe ich eine Querstraße weiter stehen sehen - in sehr gutem Zustand übrigens, leider fehlt noch das Sitzpolster =)

Vom fußballerischen Übergewicht abgesehen blickt Marseille auch auf eine längere Geschichte zurück als die Landeshauptstadt Paris. Schon im 7. Jahrhundert vor Christus haben nämlich Seefahrer aus dem griechischen Phokäa festgestellt, dass es sich hier bei Strand, Calanques und Bouillabaisse nicht schlecht aushalten lässt, und zu siedeln begonnen. Das Resultat trägt noch heute den gern verwendeten Beinamen „cité phocéenne“ und ist mit 850 000 Einwohnern die zweitgrößte französische Stadt.

Natürlich hat Marseille als Hafenstadt auch sonst ein sehr besonderes Flair. Früher als die Hauptstadt des Verbrechens berüchtigt, in dessen Hafenviertel eine Bar zu besitzen der Traum eines jeden organisierten Kriminellen gewesen sein soll, ist Marseille auch heute noch so manchem als „drug capital“ willkommen. Keine Sorge übrigens, ich bin okay =)

Stapel-DokumenteMelting Pot aller möglichen Kulturen ist die Stadt noch immer, und die Einwohner auch zu Recht stolz darauf. Gerade in meinem Viertel scheint es sehr viele muslimische Einwanderer zu geben, und das arabische Süßgebäck (köstlich und in Germany völlig unbekannt) gibts an jeder Ecke. Leider ist diese ganz besondere Marseiller Identität im allgemeinen nicht kaufkraftträchtig genug und deshalb Investoren ein Dorn im Auge, weshalb es allgemein um die wirtschaftliche Entwicklung hier nicht zum Besten bestellt ist (ca. 14 % Arbeitslosigkeit gegen 10 % in ganz Frankreich). Um dem entgegenzuwirken, wurde vor einiger Zeit bereits beschlossen, mit dem mit Euromediterranée betitelten Städtebauprojekt und Unsummen Geldes ganze Stadtteile umzumodeln und so am Golfe de Lion quasi ein zweites Barcelona entstehen zu lassen: hip, dynamisch, modern, teuer. Im Ganzen, wie der Name schon sagt, nicht weniger als die neue Hauptstadt des Mittelmeerraums, die sich zum Kulturhauptstadtjahr 2013 Europa präsentieren will. Diesem Programm verdankt das Stadtzentrum immerhin bereits einen fühlbaren wirtschaftlichen Aufschwung und ein Stararchitektenglashochhaus, das wohl vielen Skylines eine Zierde wäre, in diese Stadt aber einfach so was von nicht passt. Das Viertel am Bahnhof, in dem ich lebe, soll dereinst auch dran sein - aber bis dahin bin ich wohl schon wieder über alle Berge...

Hochhaus

Wie in diesem Text schon teilweise geschehen werde ich die Reihe „Marseille“ bei Gelegenheit durch Beiträge über Sehenswürdigkeiten oder sonstige Besonderheiten ergänzen, das Ganze dann in leichter verdaulicher Form als mit diesem Monstereintrag. Bis dahin eine schöne Woche, euer Tobi.

Donnerstag, 19. August 2010

"Sind das Grillen oder Zikaden - oder sind Zikaden Bäume?"

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Am vergangenen Sonntag (ihr seht, ich bin stark im Verzug ;)) stand der erste nennenswerte Ausflug auf dem Programm. Nachdem wir nach einer Woche schon jede Menge über die berühmten Calanques zwischen Marseille und Cassis gehört hatten, mussten wir uns das Ganze glatt von nahem ansehen. Wir - das waren die drei FÖJler in Marseille, Amelie, Julian und ich, ergänzt um Viola, eine Studentin aus Freiburg, die hier ihr Praktikum verbringt.

Calanques nennen sich also die meist recht steil abfallenden Felsenbuchten, die sich an diesem Küstenabschnitt aneinanderreihen und von denen eine schöner ist als die andere. Wir hatten uns die Calanque de Sugiton ausgesucht, die vom Busparkplatz aus in einem etwa einstündigen Fußmarsch durch wunderschöne provençalische Wald- und Felslandschaft erreichbar ist. Anders als beim Bergwandern wurde hier nicht der Auf-, sondern der Abstieg belohnt. Baden gehen statt Gipfelbrotzeit...und das hatten wir uns redlich verdient, weil keiner der 4 Helden ernsthaft auf derart bergiges Terrain eingestellt war. Nur so viel: In meine Flipflops passen meine Füße jetzt zweimal, so ausgeleiert sind die guten Stücke =)

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Abends gabs dann die mehr als wohlverdiente Stärkung in Form sehr gemüsehaltigen Abendessens (siehe Foto). Welches nebenbei noch daran schuld war, dass Julian bis zum allerletzten Zug um Mitternacht warten musste, bis er endlich heimfahren durfte und damit praktisch gleich bis zum Ziegenmelken am Montagmorgen aufbleiben konnte.

Alles in allem ein super gelungener Sonntag, der Lust gemacht hat auf mehr Wanderungen im Umland, denn: "Des isch klasse!"

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