Montag, 22. August 2011

ZIRKUS DER EINSAMKEIT - Mein Tagebuch vom GR 20

Vier Tage bleiben mir noch in Marseille, die letzten vier der 383 Tage meiner Wohnhaftigkeit in dieser dreckigen und grandiosen, unsicheren und vogelfreien Stadt. Zeit, mich noch ein letztes Mal an der Stelle zu Wort zu melden, die einmal als lückenlose Dokumentation meines Treibens hier gedacht war. Da das letzte Zeitfenster meiner virtuellen Abwesenheit zu groß war, als dass ich mich aller Ereignisse entsinnen, geschweige denn sie angemessen aufschreiben könnte, beschränke ich mich auf eines, das letzte und sicherlich eines der schönsten. Vom 9. bis zum 19. August verwirklichte ich auf Korsika die vage Idee, die sich schon in obigem Blogeintrag findet, nämlich den GR 20 zu begehen und so auf diesem Fernwanderweg das korsische Gebirge einmal der Länge nach zu überschreiten. Mein Weg führte mich in acht Tagesetappen von Vizzavona in der geographischen Mitte Korsikas nach Calenzana nahe der Nordküste. Da ich - siehe unten - schon genügend bepackt war, habe ich mir die Mühe erspart, eine Kamera mitzunehmen. Wer daran interessiert ist, findet aber hier und bestimmt auf ganz vielen anderen Seiten schönere Fotos als ich je hätte schießen können mitsamt einer Detailbeschreibung des Wegs. Was meine persönlichen Erinnerungen angeht, voilà:


Tag 0

Noch kein Wandertag, und hielt mich doch ganz schön auf Trab. Da ich in Sachen Reiseplanung Tendenz habe, immer spontaner, kreativer und kurzfristiger - kurz: unvorbereiteter - zu werden, war ich 12 Stunden vor Aufbruch noch nicht mit so brauchbaren Dingen wie etwa Wanderschuhen oder auch einem Zelt ausgerüstet. Also los, von GO-Sport (pfui!) zu Décathlon (hui!), en passant par l’Alcazar, auf le vélo Katjas Rucksack ein letztes Mal rollend auf dem Rücken.

Schwere Entscheidungen nötigte mir dann am Nachmittag die Nahrungsplanung bei DIA ab. Viel kaufen, viel tragen und sich dafür nicht in den Refuges neppen lassen oder doch von einigen Einkäufen absehen und etwas mehr Geld einstecken? Armer zerlumpter Freiwilliger, der ich bin, wollte ich den Urlaub eigentlich so billig wie irgend möglich halten und hoffte so, auf etwa 18 kg Rucksackgewicht zusteuern zu können. Das ist das empfohlene Maximum für Männer, müsste also genügend Vorräte erlauben und trotzdem tragbar sein, soweit meine Überlegung. Als ich jedoch, bereits Schlimmes ahnend, vor Neugierde dann kurz vorm überhasteten Abschied von Sári noch bepackt auf die Waage sprang, blieb die Nadel erst bei runden 100 Kilogramm stehen! Nettowiegen ergab 74, ich trug also im Moment geschlagene 26 kg mit mir rum! Kein Wunder, denn ich hatte doch in vielerlei Hinsicht letzten Endes die Maximallösung gewählt und schleppte nicht nur Schlafsack, Zelt und Trainingshose aufm Buckel, sondern auch je 2 kg Brot und Reis, 1 kg Nudeln, 2 Boxen vorgekochten Linseneintopf, Marmelade, Salz etc....und nicht zu vergessen 3 Liter Wasser! Welchen Preis die Komplettautonomie hat, konnte ich schon auf dem Weg zu St Charles erahnen, und im Zug nach Toulon taucht beim Gedanken an die 1000 Höhenmeter bergauf, die morgen anstehen, eine muntere Schar Fragezeichen in meinem Kopf auf. Das gestehe ich aber im Moment höchstens mir selbst ein. Wer die Herausforderung sucht, muss sie auch aushalten können; ich freue mich indes nicht minder darauf, der zivilisierten Welt und ihren sozialen Spinnennetzen mal für zehn Tage den Allerwertesten zuzukehren und nicht nur über Berge, sondern auch ein bisschen in mich zu gehen. Momente einsamer Konzentration und Kontemplation genießen, die eigene Zeit an nichts und niemanden abtreten, ja, das fehlte...braucht jetzt nur kein Unwetter zu kommen!


Tag 1

Die Abendsonne, die im Refuge L’Onda, der ersten Schutzhütte, in der ich untergekommen bin, auf die umgebenden Felswände fällt, vergoldet im Nachhinein auch meinen ersten GR-20-Tag. Dann aber erinnern mich Fußsohlen und Schultern daran, dass doch nicht alles geschenkt war heute, eher im Gegenteil. Ach ja, überhaupt: diese verfluchte Diskrepanz zwischen Ankündigung und Ausführung. Beispiele? Ich lerne ganz fleißig Russisch, kaufe mir gleich mal ein Buch, das kann ich dann durcharbeiten. Pustekuchen, 50 Vokabeln bis jetzt. Ich verbessere dolle meine Gitarrenskills anhand dieser Jazzschule. Sieht nicht ganz einfach aus, aber ich hab ja Zeit. Nicht erst seit ihrem Abhandenkommen habe ich die Instrumente kaum noch angefasst. Und jetzt also: Ich lauf dann mal den GR 20, den schwierigsten Fernwanderweg Europas, und tu mir dazu noch 25 kg Gepäck auf, bin ja n sportlicher Typ. Klappt schon irgendwie. Eine wie immer lobenswerte Grundhaltung eigentlich, nur diesmal zieht der Ticketkauf auch die Umsetzung, und zwar die komplette, der großspurigen Ankündigung an mich selbst unvermeidlich nach sich. Diese Konsequenz der Geschehnisse war es, die mir im Zug nach Toulon, in der Fähre nach Ajaccio und im Bus hoch nach Vizzavona ein ständig wachsendes flaues Gefühl im Magen gab. Als der Busfahrer dann früher als erwartet anhielt und brüsk “Vizzavona, GR 20!” rief, klang es, als würde ein wenig gnädiger Richter meine Gefängnisstrafe verlesen.

Neben den beschwingt einherschreitenden, stockschwingenden Wanderern, die mir bald entgegenkamen, fühlte ich mich wie ein dummer, belächelnswerter Grünschnabel (was ich im Prinzip auch ganz genau bin), als ich mit meinem halben Zentner auf dem Rücken lostaumelte, mich gleich zu Beginn auf allerlei verkehrte Wege begab, alles auf der Suche nach Wasser, das ich nicht clever genug war, rechtzeitig aufzufüllen. Je länger, je heißer sich der Anstieg zog, begann ich im Rhythmus meiner keuchenden 15-Minuten-Pausen angstvoll über ein mögliches Scheitern nachzudenken. Hatte ich, der ich eigentlich an Gelingen von Geplantem gewöhnt bin, mich dieses Mal schlichtweg überhoben?

Der größte Anstieg der gesamten Tour gleich am ersten Tag: Wer sollte da nicht an sich zweifeln oder gar verzweifeln? Aber siehe da: Das Bergauf-Hamsterrad, auf dem ich mich gefangen fühlte, hatte ein Ende, als ich es noch nicht zu hoffen wagte, der stechende Schmerz im Knie verging, wie er gekommen war, und von oben von der Punta Muratello ließ sich das Refuge schon ausmachen. Habe ich also mich und meinen momentan größten Feind, den Rucksack, ins Ziel gebracht. Eins ist klar: Das hier bleibt nicht bei einer nachdenklichen Selbstfindungstour, das wird in allererster Linie eine sportliche Herausforderung, bei der ich jeden Tag um die bloße Ankunft zu kämpfen haben werde. Wenn ich hier allerdings angetreten bin, um meinen wahren Limits ins Auge zu sehen, auch das hat mir der Tag gezeigt, dann müssen die verdammt hoch liegen und ich bin neugierig, sie kennen zu lernen.

Ein Neuntel habe ich schon. Ein Neuntel habe ich erst, aber das mit dem schlimmsten Anstieg. Der Rucksack wird nur noch leichter...


Tag 2

Jetzt schaff ich’s! Der heutige Tag konnte mir auf einem leichteren Wegstück die ersehnte Konsolidierung verschaffen und die Zuversicht, nun auch alle anderen Etappen bestehen zu können. Es ist unglaublich, an sich selbst zu merken, wie sich nach nur einem Tag “Training unter Wettkampfbedingungen” der Rucksack deutlich leichter trägt - und so viel habe ich nun wieder nicht weggefuttert...

Ich stand also entgegen vagen besseren Vorsätzen erst etwas nach 7 fröstelnd auf, was mich zusammen mit Frühstück und unroutiniertem Packen von erst Zelt und dann Rucksack erst gegen halb neun loskommen ließ. Die Zeltstadt des Refuge de l’Onda hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon um weit mehr als die Hälfte verkleinert. War im Nachhinein betrachtet aber doch keine schlechte Idee, später loszuziehen, denn indem ich den geschäftigen High-Tech-Ultralight-Wandergruppen den Vortritt ließ, hatte ich den Weg ganz anders noch als gestern für mich fast menschenleer. Den Aufstieg schaffte ich erfreulich schnell; von da an nahm im Grunde eine einzige Gratwanderung die restliche Wegstrecke bis zum nächsten Refuge Petra Piana ein.

Petra Piana ist anders als L’Onda nicht ins Tal geduckt, sondern auf einem Hochplateau gelegen (daher der Name, übersetzt “ebener Fels”), was schon mal für ein unvergleichlich besseres Panorama sorgt. Statt Schafen und Pferden gibt es hier Kühe und eine Topoguidewarnung über räuberische wilde Schweine. Bis jetzt zum Glück noch keins gesichtet.

Was treibt man also, wenn man schon um 2 Uhr im Refuge einläuft? Der zweieinhalbstündige Aufstieg zum Monte Rotondo, dem zweithöchsten Gipfel Korsikas, der Sári und mir schon letztes Mal verwehrt blieb, wäre als Extratour, sogar mal ohne Rucksack, möglich gewesen, versprach aber, in Stress auszuarten. Da war doch ein gemütlicher Ausruhnachmittag auch ganz willkommen, der mir neben Pflichtübungen wie Essen, Duschen, T-Shirt-Waschen (hab ja verschwitzt, Shirts zum Wechseln einzupacken!) auch ganz viel Zeit dafür ließ, wofür ich mir ganz viel Zeit nehmen wollte: Lesen, Schreiben und dann auch mal ein Nickerchen halten.


Tag 3

Als “Etappe der Superlative” im Wanderführer angekündigt und mir von dem älteren Herrn in Orange als die auf ihrer ganzen Länge anspruchsvollste beschrieben, hielt das heutige Wegstück von Petra Piana nach Manganu, soweit ich es beurteilen kann, seine Versprechen. Da ich etwa eine Stunde früher loskam als gestern, konnte ich, auf dem ersten Bergsattel angelangt, die umliegenden Gipfel und Seen noch im Licht der tief stehenden Morgensonne bewundern. Und die macht irgendwie etwas ganz Besonderes aus jeder Landschaft.

Im späteren Verlauf der Etappe wurde das Panorama nicht minder spektakulär - Gratlinien zerrissen zwischen Himmel und Erde und in der Ferne, noch deutlicher als sonst, das Meer - und es gesellten sich die ersten knackigen Kletterpassagen zum Parcours. Lernte ich also am ersten Tag mit Rucksack laufen, am zweiten Bergsteigen, so brachte mir dieser dritte nun das Kraxeln mit Krax’n bei. Bitter nötig werde ich’s haben, denn nach Plan übermorgen werden ich mich der Königspassage des GR 20 gegenübersehen: dem Cirque de la Solitude, einem Talkessel, in dem Berichten der Nord-Süd-Wandersleute, die jenen Zirkus schon hinter sich haben, einmal 200 m quasi senkrecht runtergeht und auf der anderen Seite wieder hoch. Kann ja heiter werden...morgen steht erst einmal ein 22 km langer Waldspaziergang auf mittelhohem Terrain an.

Ansonsten war eine wichtige Erkenntnis, dass Bedürftigkeit unter Wandersgefährten sozialisiert: Indem ich irgendwie an einen Kochtopf für meine Kilopackung DIA-Reis (incollable) kommen musste, geriet ich ins Gespräch mit einer fidelen, Pietra-Bier (6€ / 0,5 l) trinkenden Gruppe, die sich, so stellte sich schnell heraus, wie geschätzt 60% der Gäste eines GR-20-Refuges aus Deutschland kam, genauer aus Karlsruhe, mir erst ihre Kochutensilien lieh und mir dann sehr, sehr hilfsbereit Tipps für die nächsten Tage gab, unter anderem besagten Cirque-Bericht. Wie bestätigt dürfte sich Sára hier vorkommen: Ze Germans are everywhere (and they love hiking)!


Tag 4

Müde, fertig und kaputt: mein Zustand im Schnelldurchlauf nach einer Etappe, die im Schafspelz daherkam, dann aber ziemlich schnell Zähne zu zeigen begann, sodass ich meinerseits Biss beweisen musste.

So gut ließ sich dieser Wald- und Wiesenspaziergang an, erst durch ein lichtes Buchenwäldchen, dann über über langgestreckte “Pozzine” (so heißen die Rasenflächen auf Torfboden mitten im Gebirge, die Kühe und wilde Pferde beweiden) bis zum schönen Lavu di Ninu, um anschließend nach einer mittelprächtigen Gratpassage in den viel versprechenden Wald von Valdu Niellu zu tauchen. Wie gesagt, landschaftlich war die Etappe ein Genuss und das Höhenprofil war meist wenig anspruchsvoll. Nur je ebener es dahinging, je weniger Konzentration dem Kopf und Anstrengung den Beinen abverlangt wurde, desto mehr richtete sich unwillkürlich meine Aufmerksamkeit auf dasjenige Leiden, das am schnellsten am lästigsten wird: das verfluchte Gewicht, mit dem der Rucksack an den Schultern hängt. So gestaltete sich die 22 km lange Etappe wenn schon nicht topografisch, dann immerhin physisch und psychisch (was ja immer einhergeht) als Berg- und Talfahrt. Hatte ich guten Mutes begonnen, so war ich mitten im Wald von Valdu Niellu, lustigerweise dem ebensten und am schönsten anzusehenden Teilstück der Strecke, an Körper und Geist soweit lädiert, dass eigentlich kurze Zeit gar nichts mehr ging. Unterzucker ließ grüßen, bis ich meinen “Zaubertrank” einsetzte: Dieser wird in fester Form verabreicht und besteht aus fünf Handvoll Rosinen, die nacheinander ohne Atemholen einzunehmen sind. Das Zeug in der Menge auf einen Sitz ist besser als Doping! Keine 5 Minuten später hatte ich komplett “la pêche”, flog die fehlende Stunde bis zu den Bergeries E Radule und auch noch gleicht die fast 700 Höhenmeter rauf bis zum auf 2000 m gelegenen Refuge Ciottulu di i Mori ohne nennenswerte größere Pause. Erst da fiel alle Kraft wieder von mir ab, und ohne Nachschub an Rosinen fiel mir der Weg von der Hütte zum Zeltplatz deutlich schwerer als die drei Stunden Powern vorher.

Und ja: Schultern und Füße sind geschundener denn je und ich finde, ich habe mir eine gute Mütze Schlaf kräftig verdient. Und wenns morgen regnen soll, wie der Hüttenwirt meinte, dann begrabe ich eben meine Ambitionen auf die Extra-Halbtagestour morgen früh, chille mich nur im Laufe des Tages die drei Stunden noch was ins nächste Refuge (Tighiettu) und mache davor und danach nen Wellnesstag im Zelt. Tant pis...et bonne nuit!


Tag 5

Wellnesstag? Denkste! Der einzige Luxus, den ich mir gönnte, war, bis halb acht liegenzubleiben. Da ich für die vormittägliche Extratour - Gott sei’s gedankt - alles stehen und liegen lassen und nur mit leichtem (!) Gepäck losziehen konnte, stand ich aber umso schneller in den Startlöchern für den Ausflug auf die Paglia Orba, mit 2525 m einer der höchsten Berge Korsikas und deshalb abseits des GR 20, aber unweit der Hütte. Theoretisch.

Eine gute Stunde später musste ich, auf einem Hochplateau angekommen, feststellen, dass es sich dabei unmöglich um dasjenige handeln konnte, von dem der Wanderführer sprach, traf einen Monsieur, dem es genauso ging, und lief wieder zurück in Richtung des Bergsattels namens Col des Maures, kurz vor welchem mein offensichtlich falscher Weg abzweigte.

Dann aber machte ich eine einschneidende Entdeckung: Steinhaufen, wie sie meinen Weg bis dahin gesäumt hatten, markieren nicht nur linear den einen Wanderweg, Steinhaufen sind scheinbar zufällig überall in der Landschaft verteilt und zieren mehr oder minder jeden überhaupt gangbaren Weg. Unter anderem auch jene Passage hoch in die Felsen, an denen ich zuvor, brav den Haufen vor meiner Nase folgend, untenrum vorbeigelaufen war. Dieser Weg enthielt nun auch deutlich mehr delikate Kletterpassagen (ohne Rucksack zumindest bergauf eine helle Freude!), von denen auch im Guide die Rede war. Logische Schlussfolgerung: Steige ich nur immer schön weiter hoch, bin ich gleich auf der Paglia Orba!

Vielleicht aber auch nicht, wie mir gleich beschieden war herauszufinden, nur auf einem ihrer Vorgipfel, namenlos gar und durch eine Bresche von gut 100 m Tiefe vom eigentlichen Haupt der umliegenden Bergwelt getrennt. Jetzt ließ ichs aber gut sein und besaan mich aufs Positive: Gipfelbrotzeit, zum ersten Mal Handynetz (und dann gleich volles!) und die Tatsache, einmal außerhalb der “Autobahn” GR 20 unterwegs zu sein, was
a) dadurch dass man selbst für die Wahl seines Wegs hauptverantwortlich ist und nicht nur der omnipräsenten weiß-roten Markierung nachtrottet, freieres Bergsteigen ermöglicht, welches
b) in das Wandererego befördernde Höhenmeterbereiche führt, die ein Fernwanderweg halt nicht hauptamtlich mitnehmen kann und
c) mit einer eigentümlichen Ruhe aufwartet. Auf meiner Runde, und ich war mit allen Irrwegen doch vier Stunden unterwegs, liefen mir im Ganzen etwa fünf Menschen übern Weg. Welch ein Gegensatz zu den “Bonjour”-Marathons auf dem GR! (Und welch ein Misanthrop, dem entlang eines Wanderwegs, der auf einer Länge von 9 Tagesmärschen eineinhalb Straßen quert, zu viele Menschen sein können!)

Nach der eben beschriebenen Delikatesse zum Frühstück war der weitere Verlauf des Tages eher Routineprogramm, aber nicht minder angenehm: nach pflichtschuldigem Absolvieren der 3,5 Stunden bis zum Refuge de Tighiettu belohnte ich mich mit einer (sogar warmen) Dusche, wusch nach 5 langen Tagen zum ersten Mal mein einziges T-Shirt richtig und kochte das nächste Kilo Pesto-Würschtl-Reis für die nächsten Tage ein. Die Italiener auf der Hütte meinten übrigens, der Cirque de la Solitude sei gar nicht so schlimm, halt nur ein bisschen “technisch”. Schau mer moi...

dann seng ma’s scho!


Tag 6

Es bleibt dabei. Auch am Abend nach dem großen “Cirque” halte ich meine erste Etappe noch immer für die (subjektiv!) schwierigste, schlimmste und nervenaufreibendste. Der - in der Tat gigantisch anzusehende - besagte Felssturz, den es heute zu queren galt, jagte mir hingegen nur im Vorhinein Lampenfieber ein. Vor Kälte zitternd oder vielleicht doch nicht nur machte ich von der Bocca Minuta die ersten zaghaften Schritte hinab in die Felwildnis, nur darauf wartend, dass endlich die gefährlichen, mit Ketten gesicherten Schwindelpassagen vor mir auftauchen mögen. Jene Ketten stellten sich dann, v.a. beim Abstieg, als ziemliche Mogelpackung heraus: An wirklich nur mäßig geneigtem Fels entlanglaufend waren die meisten eher ein unnötiges Tritthindernis, das man halt in die Hand nahm, weil es da war.

Auch auf ganzer Länge gesehen war der Cirque de la Solitude, gemessen daran, was in Büchern und Erzählungen anderer daraus gemacht wird, ein recht handsames Stück Weg. Was nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass die heutige Passage eine schöne Kletterei ist und bleibt, und beileibe nicht die einfachste. Denke ich allerdings an meine gestrigen Kraxeleien in Richtung Paglia Orba zurück oder auch an jenen - Jahre ist’s her - Abstieg von der Schärtenspitze, bei dem Haltekabel wirklich unerlässlich waren, verliert die heutige Etappe ihre furchteinflößende Ausnahmestellung.

Den Cirque und den Respekt davor also einmal überwunden und weit vor dem selbst gesteckten Zeitplan liegend verging für mich der Nachmittag in einem Hochgefühl gemächlichen Abstiegs und ausgedehnter Ess-, Lese- und Schreibpausen an schönen Fleckchen Erde, die hier beileibe nicht fehlen. So gut war ich drauf, dass mich noch einmal der Ehrgeiz packen sollte: Sozusagen als ultimative sportliche Herausforderung an mich selbst sowie krönende letzte ernstzunehmende GR-20-Etappe möchte ich die beiden folgenden Tagesmärsche in einem absolvieren und so vom Refuge im Ex-Wintersportort Ascu Stagnu durchlaufen bis zum letzten Refuge Ortu di u Piobbu. Ob das klappt, werden wir morgen erfahren...ich gehe auf Fall mal zeitig schlafen!


Tag 7

Früher als sonst war ich auf den Beinen, genauer gesagt gegen 5:10 Uhr, um möglichst zeitig meine Doppeletappe in Angriff nehmen zu können. Gleichzeitig durfte ich einem wahren Naturschauspiel beiwohnen: Tatsächlich war ich unvermutet zum ersten Mal zu der Stunde aufgestanden, in der der morgendliche Betrieb auf dem Zeltplatz am größten war; und wie da im Vollmondlicht die ganze Schar der Wanderer ihre Zelte abbaute, wie da Taschenlampen hin und her huschten und man sich höchstens flüsternd unterhielt, das hatte schon etwas Geheimnisvolles und Feierliches.

Glücklicherweise brach die ganze Meute wie immer in die Gegenrichtung auf, sodass ich - abgesehen von den drei, vormals vier, Jungs aus Hannover, die mich schon länger begleiten - auf meinem ersten Aufstieg des Tages ziemlich alleine war. Der Trainingseffekt machte sich bemerkbar und ich war erfreulich schnell oben angekommen. Konsequenterweise lief ich schon vor 11 Uhr im Refuge Carozzu ein, das in diesem Fall allerdings nur gut genug war, die Wasserflasche aufzufüllen und ein paar Handvoll Rosinen einzuwerfen für den nächsten Aufstieg, dessen 600 Höhenmeter ich in erstaunlich kurzer Zeit hinter mich brachte. Danach allerdings begann die Etappe sich zu ziehen. Zunächst sorgten Auf- und Abwärtskletterpassagen entlang der Gratlinie, der es für etwa 2 Stunden zu folgen galt, für physische Anstrengung und trotz des eindrucksvollen Panoramas gleichzeitig etwas Ungeduld, weil höhenmetertechnisch “nichts vorwärts ging”. Als der Weg dann endlich abwärts knickte, zog auch noch in Nullkommanichts Nebel auf, ich folgte eine Zeitlang den falschen Markierungen, lief im Kreis und fühlte mich wie Frodo im Alten Wald. Nur dass dessen Knie wohl nicht so schmerzten und der Ring keine 20 kg wog. Welch eine Erleichterung, da zu guter Letzt das Refuge zwischen den Bäumen auftauchen zu sehen.

Besagtes Refuge war, trotz schöner Lage inmitten von Birken und herzlicher Chefin, kochtechnisch (und das musste leider auch noch sein!) erheblich schlechter ausgestattet als Tighiettu zuletzt. Ich musste mir das verbliebene Kilogramm Nudeln im kleinen Topf in zwei Schüben zubereiten und hatte selbst zu allem Überfluss auch keine weiteren Raffinements mehr zu bieten als Salz und ein kümmerliches Stückchen Chorizo-Salami. Dafür hatte ich während der Kocherei ein lustiges Gespräch mit einem lustigen Belgier mit Schlitzaugen, dessen Spaghetti mit Parmesan es qualitativ offensichtlich glatt mit meinem Werk aufnehmen konnten. Macht doch Spaß und gibt einem irgendwie innerlich Auftrieb, sich für zehn Minuten mal wieder mit jemandem zu unterhalten, nachdem ich ja während meiner Wanderzeit Gesellschaft, so gut es ging, bewusst zu meiden versuchte.

Glücklicherweise verlor ich immerhin keine weitere Zeit mit unnötigem Luxus wie Körperhygiene, denn es gab genau eine Dusche, und als ich die benutzen wollte, standen schon fünf Leute vor mir Schlange. Doch bevor ich mich auf die olfaktorischen Härten der morgigen Rückkehr meiner mittlerweile wohl ziemlich irgen Irx'ln (+ das 9 Tage lang getragene T-Shirt, das irgendwann mal weiß gewesen sein muss) in zivilisierte Landstriche freuen konnte, war ich über ein paar Seiten Lektüre auch schon eingeschlafen...


Tag 8

Aus is’! Ein Pastis mit viel Eis begrüßte den Wanderer auf gemäßigten 275 Höhenmetern über NN in Calenzana. Die letzte Etappe war unspektakulär, nur wehrten sich meine Beine strikt gegen jeden Meter bergauf, obwohl es zwischendurch doch einige gab. Lieber Wanderführer, das war nicht der Deal für die letzte Etappe!

Ansonsten allerdings war es schön, den Wechsel der Landschaft durch die verschiedenen Vegetationszonen nach unten zu begleiten. Durch Wäldern gings und an duftenden Blumen vorbei, es wurde nicht nur tageszeitlich bedingt immer wärmer und die letzte Rast konnte ich schließlich zwischen Feigenbäumen und Brombeersträuchern halten. Seltsam, jetzt wieder inmitten eines Haufens Häuser zu sitzen und alle paar Sekunden Autos und Motorräder vorbeidröhnen zu hören. Gleich geht der Bus nach Calvi, was dort passiert (hoffentlich nix Unvorhergesehenes und hoffentlich ein neues T-Shirt), spare ich mir für den morgigen Bericht auf...


Tag 9

Der letzte Tag des Wanderurlaubs bestand in dessen glattem Gegenteil. Mein Aktionsradius beschränkte sich heute auf wenige Meter rund um den Strandliegeplatz. Aber der Reihe nach: Nachdem der Bus uns Wartende mit einer respektablen Stunde Verspätung endlich in Calenzana aufgegabelt und in Calvi wieder ausgespien hatte, fand ich mir zunächst ein preisreduziertes und hauptsächlich sauberes Shirt im Seemannslook, kaufte versprochene Postkarten sowie schmerzlich vermisste Lebens- und Genussmittel und quartierte mich sodann in einem strandnahen Campingplatz ein.

Calvi ist eine Stadtkulisse für Badetouristen: Alles, was es dort gibt, ist für Leute gemacht, die nicht dort leben. Die Fußgängerzone offeriert nichts als Mitbringsel und Strandsachen, dazwischen hängen Muschelrestaurants an der Hafenpromenade ihre Korsika-Menüs aus. Die höher gelegene Zitadelle ist unerlässlich, um das kulturelle Gewissen zu beruhigen (“Wir haben uns im Urlaub BlahXY angesehen, wirklich sehr schön war das.”), und sorgt gleichzeitig für eine etwas gediegenere Alternative in der Dinnerplanung. Hinter einem großen Parkplatz und der vom immer gleichen Zug befahrenen Bahntrasse, die wie überall auf Korsika zugleich als Bürgersteig dient, erstreckt sich der Strand, nicht sehr breit, aber mit familienfreundlich seichtem und warmem Wasser.

In jenem Idyll der Urlaubsbanalitäten trugen mich also meine Füße am letzten Tag meines Aufenthalts erst zum Zeitungskiosk und dann, wenig wählerisch, zu besagtem nichtssagenden, übervölkerten, kinderverschrieenen Strand, wo ich mir für die ZEIT richtig Zeit nahm und erst wieder aufstand, als die Uhr gebot, mich und Gepäck zur Fähre zu schleppen.

Adieu Korsika! Gut hat es getan, das selbstvergessene, bedürfnis- und pflichtenlose Leben, das ich neun Tage lang auf dir atmen durfte! Und langsam dämmert mir, dass du und dieses Meer, das man selbst von deinen innersten Gebirgen aus noch glitzern sieht, bald verdammt weit weg sein werdet...

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