From the West Side to the East Side...

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...oder auch jeder andere der vielen denkbaren Titel, die ganz offensichtlich hintergründig auf das bereits angekündigte Seminar in Berlin anspielen könnten. Damit hat die Subtilität allerdings auch schon wieder ein Ende, ich beginne nunmehr ganz platt mit der bedeutungsschweren Ansage, ich hätte eine gute und eine schlechte Nachricht für euch, liebe Leserinnen und Leser. Da es diesem Blog nicht nur an allen Ecken und Enden, sondern auch an Möglichkeiten interaktiver Einflussnahme fehlt, erspare ich mir, euch die obligatorische Frage zu stellen und beginne einfach mit der schlechten, die gleichzeitig den Abschluss unseres Seminars markiert.

Nachdem am Samstag, 15 Uhr, jeder jedem Goodbye gesagt und sich mit viel positiver Energie auf ein letztes Wiedersehen im Sommer vertröstet hatte, stellte zuerst die Teamerin Katja und später meine ganze Etage fest, dass wir soeben aufs Übelste beklaut worden waren. Die ungebetenen Gäste bewiesen fehlendes Gespür für soziale Gerechtigkeit und erleichterten zahlreiche ohnehin schon unterbezahlte FÖJ-ler um ihre Laptops, Handys, Kameras und Geldbörsen. Der Schock saß tief und konnte auch von einem herrlich schnoddrigen Polizisten, dessen Berliner Schnauze ich unter anderen Umständen lustig gefunden hätte, nicht sofort behoben werden. Zum Kotzen (siehe Foto)!

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Die gute Nachricht ist nicht einmal, dass ich meinen Laptop noch immer vor mir stehen habe, sondern dass mir in der Folge des Diebstahls als erster der Geistesblitz kam, das Geschehene humorvoll-raffiniert in Verbindung mit unserem Besuch eines Schenkladens zu bringen (bei einem Schenkladen bezahlt man nämlich nichts für mitgenommene Ware, also wir waren praktisch der Schenkladen, hahaha...versteht ihr?!?) und auf diesen montrösen Scherz auch gleich das Copyright für meinen Blogeintrag zu beanspruchen. Zimmergenosse Yannick musste dem zähneknirschend zustimmen und kontert in seinem Blogeintrag mitten im Fließtext penetrante Schleichwerbung für Yannicks Blogeintrag stattdessen gekonnt mit einer Gesamtchoreographie aus der Feder von Peter Fox und einer überraschenden Schlusspointe. Ich versäume es derweil nicht, seinen geistreichen Zusatz zu meiner Beobachtung, „nur dass wir keinen Tee angeboten haben“, mit der nötigen Quellenangabe zu versehen. Und nein, wir leben nicht in einer Gummizelle mit Helene Hegemann...

Bevor ich nun komplett, wie der letzte Absatz drohend nahelegt, die virtuelle mit der reellen Realität vertausche, jetzt schnell wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. Wie mir zudem ein Blick auf die Uhr verrät, ziemt es sich jetzt, die Geschehnisse etwas zu straffen, um dich, lieber Leser, nicht zu langweilen und einen hübschen literarischen Effekt zu erzielen. Mach ich sowieso trotzdem nicht. Ich kehre immerhin zu einer chronologischen Darstellung der Ereignisse zurück.



DSC00223Am Donnerstag vor einer Woche also mit Yannick und „rapatriée“ Katja in den TGV gestiegen, der einen rasend schnell nach Paris bringt, von wo uns ein Nachtzug mit allen Unannehmlichkeiten eines Nachtzuges - quälend langsam, laut, fremde Leute im Abteil, die auch noch Platz beanspruchen - in die Stadt unseres dritten und (man mag gar nicht dran denken) vorletzten FÖJ-Seminars ratterte. Börlin Äitsch-Bie-Eff, Main Train Station. Die meisten Leute steigen dort aus.

So auch wir, und nisteten uns erst einmal beim guten alten Noisy ein, den sie jetzt aus irgendeinem Grund Christopher nennen. Aus der Perspektive eines unbedarften Besuchers sieht das Leben eines Soziologiestudenten in Berlin mit Begrüßungsgeld, 14 Wochenstunden, freiwilligen Prüfungen und einem 25-Quadratmeter-Zimmer in bester Lage recht beschaulich, um nicht neidisch zu sagen „Noisy, du blöde Sau!“, aus. Bei näherer Betrachtung aber - nobody said it was easy - zeigt sich das Berliner Szeneviertel von Schwaben und „Biomuttis“ infiltriert, die Kälte drängt einen Quasi-Italiener wie unsereins von Oktober bis März eigentlich zum durchgehenden Winterschlaf, die übermüdeten Besucher vom Lande quengeln und wollen schon um drei nach Hause und wo zum Teufel bekommt man eigentlich am Sonntagnachmittag Paniermehl her? Nachdem aber selbst diese Frage geklärt werden konnte (beim „Späti“ um die Ecke nämlich, schräg gegenüber der Sternburg-Flaschen für 72, gerundet also 80, Cent), blieb uns nur noch, uns herzlich für die Unterkunft, die Stadtführung und die Einführung in den studentischen Berliner Club-Underground (Stilrichtungen Indie, Alternative, Beat, Absinth) zu bedanken und mit einigen Mauerparkflohmarktbuchneuerwerbungen mehr im Gepäck zur Alten Feuerwache weiterzuziehen. Ditte is: der Name des Tagungshauses, in dem wir das eigentliche Seminar verbringen würden.

Schweinerei!

Die Alte Feuerwache, unweit des Checkpoint Charlie in direkter Verlängerung von Kai Diekmanns Hosenkobra über das Axel-Springer-Hochhaus hinaus gelegen, ist objektiv das Beste, was wir bisher an Seminarunterkünften hatten. Geräumige, moderne Zimmer, zwiebelfreie Luxuskost on demand, ein bei Benutzung sicherlich sehr effektives Sicherheitssystem, eine Etagenküche mit Geschirrspülmaschine und -farbcode, Couch und Fernseher und ein Billardtisch im Eingangsbereich sind nur einige der Features das Hauses.


Großstadttypisch mehr Möglichkeiten bot auch das Seminarprogramm, das deshalb dieses Mal nicht ganz so kurz kommen soll. Wir haben jede Menge interessanter Projekte gesehen, Leute getroffen und Einblicke erhalten, von denen ich euch zumindest meine Favoriten nicht vorenthalten möchte:

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Das ökologisch-soziale Wohnprojekt „Lichte Weiten“ in Lichtenberg. Mehrere Generationen leben dort unter einem Dach zusammen und brachten und bringen in einer wenig „hippen“ Berliner Gegend Erstaunliches auf die Beine. Über dieses Projekt schreibe ich einen Artikel für unsere Seminarzeitung, der selbstredend noch nicht fertig ist. Sollte er es jemals werden, wird er natürlich auch postwendend als Nahrungsgrundlage für den Blog dienen müssen.


DSC00312Die Prinzessinnengärten „Nomadisch Grün“ verpflanzen eine verrückte Idee in die Wirklichkeit und betreiben zwischen Wohnblocks und S-Bahn-Gleis urbane Landwirtschaft in Plastikkisten. Das Ganze ist dabei so professionell, ideenreich und weitsichtig aufgezogen, dass die Gärten nicht nur finanziell überleben, ohne am Fördertropf zu hängen, sondern auch im wahrsten Sinne aufblühen und mediale Aufmerksamkeit und Nachahmeprojekte in ganz Deutschland finden.


Der bereits erwähnte Schenkladen, bei dem ich zugegebenermaßen die dahinterstehende Gesellschaftsidee, zu „konsumieren“ ohne zu kaufen, anregender fand als die tatsächliche Umsetzung. Lag vielleicht aber auch am momentan dort vorherrschenden Umzugschaos: Wer Kapitalismus & Co. eins auswischt, für den scheint die Retourkutsche nicht lange auf sich warten zu lassen. Ob plötzlich unbezahlbarer Mieten muss schleunigst eine neue Bleibe her. Niemand hat behauptet, es sei einfach...viel Glück und danke für den Tee!


DSC00288Immer wieder schön ist auch ein Besuch im Reichstag, vor allem, wenn es eine echte MdB ist, die uns eine Führung angedeihen lässt. Da wir bekanntlich ja gerade Terror haben in Deutschland, halte ich es hier für reizvoll, eine unvollständige Liste von dem zu erstellen, was man in und um das Herz der deutschen Demokratie im Moment nicht darf: den Haupteingang nehmen, die Rasenfläche davor betreten, im Sicherheitscontainer seinen Rucksack schief vor den Kontrolleur sächsischer Herkunft stellen, im Angesicht der MG-Patrouille laut „BOMBE!“ rufen (schätze ich), freundlich grüßen (zumindest tat das die Familienministerin nicht, als wir ihr im Vorbeilaufen guten Morgen wünschten, die Kanzlerin allerdings schon - ihr seht, wir waren hautnah dran), von oben der Plenarsitzung zugucken, sein Kind in die gleiche Tagesstätte schicken wie die Bundestagsabgeordneten, als Abgeordnete ungeschminkt zur Sitzung kommen (gegen diesen Fauxpas ist Frau Künast allerdings mehr als gefeit), als Abgeordnete überhaupt nicht kommen (es gibt Anwesenheitslisten wie in der Uni und beim IDA-Sprachunterricht), das überall beworbene und wegen Terrors geschlossene Kunsthaus des Bundestags besuchen, auf die Kuppel laufen. Tabea Rößner, unsere Gastgeberin von den Mainzer Grünen, der hier für die angenehme und sehr ehrliche Diskussion über das Leben einer Volksvertreterin gedankt sei, konnte uns aber trotzdem hinaufschleusen. Ätsch.

DSC00211Die Vielfalt, Nahrhaftigkeit und preisliche Attraktivität des Berliner Fast-Food-Spektrums. Eins nach dem andern:
a) Currywurst. Am ersten Tag unter Noisys kundiger Führung beim Kultimbiss „Konnopke‘s“ mit der besten der Stadt angefangen, am letzten Abend in einem zugigen Sperrholzbretterverschlag mit Geschwollener unter Currysoße geendet. Dazu konnte es nur Sternburg geben.
b) Döner. Nur soviel: Jetzt weiß ich, was die IDA-Berliner in Marseille mit der Aussage meinten, sie trauten sich dort an keinen Döner ran. Pèrsonne n‘a dit qu‘c‘était fàcile...
c) Schawarma. Was bitte? Schawarma! Wem Döner zu imbissbudenhaft prollig verglichen mit der eigenen Persönlichkeit erscheint und wer bei der Wahl seines Mittagsgerichts Wert auf Exotik legt, der bestellt den Schawarmateller mit Hummus und Halloumi. Döner aus Hühnchen mit Kichererbsen und Käse also. Zumindest der Junge vom Lande aß das in Berlin zum ersten Mal.
d) Falafel. Die fleischlose Alternative und eines der wenigen Gerichte, die ein Vegetarier bestellen, ohne bei dem karnivoren Durchschnittsbürger auf wahlweise feinen Spott oder Mitleid ob seiner asketischen Entsagungen zu stoßen. Schmeckt nämlich allen!


DSC00295Berlin und Berliner. Nach den Einzelteilen möchte ich noch eben kurz aufs Ganze zu sprechen kommen. Auf eine Stadt, die mich zuallererst merken ließ, dass sich meine Maßstäbe im letzten halben Jahr wohl ziemlich kräftig in Richtung des südmediterranen „bordel“ verschoben haben, das Marseille vielerorts darstellt. Gleich bei Ankunft hat mich nämlich die unglaubliche Weitläufigkeit der Stadt ziemlich kalt erwischt. Was in Marseille die Breite der Straße ist, ist hier die Breite des Bürgersteigs, die Breite des Marseiller Trottoirs hingegen entspricht im Berliner Stadtbild höchstens der Randmarkierung des Fahrradwegs. Überhaupt: Fahrräder an allen Ecken und Enden! Fahrräder vor jedem Gebäude! Unglaublich eigentlich.

In den monumentalen Straßenzügen Berlins sind zwischen Tourigruppen und süddeutschen Studenten manches Mal Menschen anzutreffen, die sich als Berliner zu erkennen geben. Wenn sie auch das Stadtbild zumindest des Zentrums nicht gerade prägen, ist die Berliner Art, sich auszudrücken, doch präsent. Die Kosenamenwut für Orte des öffentlichen Lebens kennt kein Halten, und so verabredet man sich am Kotti, um zum Schlesi weiterzuziehen, der Schenkladen befand sich in der Scharni, das liegt wiederum direkt beim Boxi, wo wir schnell bei Katja Hallo sagen. Als patenter, verlässlicher Kerl erweist sich der Berliner, wenn man bei ihm Currywurst mit Pommes bestellt, einen treuherzigen, geradlinigen Blick erntet, begleitet von der mannhaften Versicherung „Mach‘n wa!“. Und wenn die fetttriefenden Würstchen in der Auslage um 2 Uhr nachts nochmal aufgebrutzelt werden müssen dafür.

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Und dann? Sind wir wieder zurückgefahren. Haben einen sehr tourihaften Sonntagsstopp in Paris mit Montmartre, Eiffelturm und Centre Pompidou eingelegt und waren spätmitternachts irgendwie auch wieder froh, „daheim“ und vor allem in gradcelsiusmäßig positiven Gefilden zu sein. Die Toilette bei uns ging natürlich bei unserer Ankunft immer noch nicht, aber mittlerweile ist sie repariert. Dafür war einen Tag nach dem rettenden Besuch des Klempners die Waschmaschine und kurze Zeit dank Powerwischens von Masha, Sára und mir auch das ausgelaufene Wasser wieder im Eimer. Wär ja langweilig sonst.

Was die Nach-Berlin-Zeit betrifft, mach ichs kurz: Das Leben mit Colocs und Colocinnen macht weiterhin steigend Spaß, letztes Wochenende war relativ zerstörend, der Montag danach noch mehr, da es an mir war, bis halb zwölf nachts die ganze Bude zu putzen, und in nicht mal zwei Wochen stehen Bäda und Sigi zum kleinen Interrailrevival auf der Matte.

Schönen Weltfrauentag allerseits!



PS: Wer anhand dieses Blogeintrags als Erster errät, welcher Gassenhauer mich in Person von Schüliäng in allen Sprachen und Dialekten eine Woche lang verfolgte, erhält fünf Liter biologische Ziegenmilch frei Haus oder äquivalent einen sec-ken Stinkekäse. Einsendeschluss bis zum nächsten Eintrag - ihr habt Zeit ;-)

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