Donnerstag, 21. Oktober 2010

Brennpunkt: Vive la grève!

artikel3-434-org-1Hey...ein Blogeintrag...das ist doch erst...noch keine Woche...seltsam...aber es tragen sich in meinem Gastland ja auch epochale Ereignisse zu im Moment. Eine Streikaktion, die es in dieser Form seit 1995 nicht gegeben hat (und damals musste die Regierung gehen) und die es mittlerweile auch auf die Seite 1 des deutschen Blätterwalds geschafft hat. Sprich: die es durchaus wert ist, ein paar Zeilen darüber zu verlieren, und sei es nur, um klarzustellen, dass man eigentlich keine Angst haben muss um mich.

Denn, auch wenn in der Tat sämtliche Medienberichte den gegenteiligen Anschein erwecken: Es ist nicht so, dass Frankreich brennt, nur weil zwei Schulen und jede Menge Mülltonnen es tun. Ich laufe auch nicht (oder sagen wir kaum^^) Gefahr, auf offener Straße mit einer roten Fahne erschlagen zu werden, nur weil zweimal in der Woche Großdemo in centre-ville angesagt sind (der war für dich, Mama :P)...
DSC09698Sind wir uns also über den nicht-lebensbedrohlichen Charakter der Protestaktionen einig, so muss dennoch gesagt werden, dass sie am alltäglichen Leben alles andere als spurlos vorübergehen. Die Müllhaufen, ob schon verkokelt oder nicht, sind tatsächlich omnipräsent, auch auf olfaktorischer Ebene. I.a.W.: Es mieft in Marseille! (Nicht in unserem Arrondissement jedoch, in dem eine glückliche Fügung es wollte, dass ein Privatunternehmen den Dreck wegmacht, und die streiken nicht, hähä :D) Auch werden Bibliotheken und ÖPNV immer genau dann bestreikt, wenn man sie braucht. Am Rande notiert: Bestreiktes Radio ist viel besser als anderes, dadurch, dass es niemanden gibt, der labert, wird ausschließlich Musik gespielt :) Auf volkswirtschaftlicher Ebene scheinen sich die Streiks, zugegebenermaßen jenseits meiner Wahrnehmung, auch nicht übel auszuwirken, aber das kennt ihr ja aus der Zeitung... Ich war nur sehr erstaunt, kürzlich ca. 20 Riesenfrachter nutzlos in der Marseiller Bucht liegen zu sehen, dort, wo sonst höchstens die Fähre nach Tunesien rumschippert.

DSC09713Ansonsten allerdings sind die Protestparaden allerdings recht beeindruckend und hübsch anzusehen. Eine Mischung aus Faschingsumzug und zum Stadion marschierenden Auswärtsfans trifft es wohl sehr gut. Gerade die seit neuestem ebenfalls streikenden lycées (Gymnasien) sind sehr leicht zu animieren. Vorneweg fährt - Tatsache - ein Pickup mit Liverockband auf der Ladefläche und hinterdrein schallt es aus Schülers Kehle, in Abwandlung des bekannten Aux armes von Olympique Marseille: „Nous sommes la jeunesse / Et nous allons gagner!“ Wir sind die Jugend und wir werden gewinnen. Fragt sich nur, was man gewinnen will, womit ich es geschickt geschafft habe, zur Frage über Sinn und Unsinn der ganzen Streikerei überzuleiten.

DSC09733Da sich die Demonstrationen noch immer als Protest gegen die Anhebung des Rentenalters verstehen, wenn sie auch mittlerweile deutlich darüber hinausgehen und allgemeine Missfallenskundgebungen gegen Sarkozy & Friends darstellen, sollte zunächst klargestellt sein, dass die Rentenreform, so lächerlich die Anhebung auf 62 Jahre klingt (und das heißt im Übrigen nicht, dass jeder mit 62 oder im Moment mit 60 zu vollen Bezügen in Rente gehen kann!), durchaus ihre Schattenseiten hat im Bezug auf Gerechtigkeit zwischen Arbeitern und Führungskräften. Die einen, früh in den Beruf eingestiegen, müssen de facto 2 Jahre länger ran und verlieren so nicht zuletzt einiges an Geld, für die anderen ändert die ganze Reform nicht viel. Nur: Es brauchte ein Spezialdossier in Le Monde, um mir das halbwegs verständlich zu machen. Ansonsten findet keinerlei sachliche Auseinandersetzung mit der Reform (mehr?) statt, geschweige denn, dass Lösungsmodelle aufgezeigt werden, die über die platteste Parole hinausgehen. Auf der Straße liest man Weltfremdes wie: „Geld gibts genug. Wir fordern den vollen Rentensatz mit 60.“ Das Rezept ist einleuchtend: Besteuern wir doch einfach die Gewinne. Hallo 19. Jahrhundert, willkommen überkommenste Klassenkampfrhetorik.

Sprich: Die Masse geht nicht auf die Straße, weil sie die Ausgestaltung dieser Reform ungerecht findet. Sie protestiert gegen jedwede Reform per se, sie schiebt Prinzipien wie „Solidarität“ vor, um ein letzten Endes zutiefst egoistisches Ziel zu verfolgen: Zwei Jahre länger arbeiten? Ich? Nicht mit mir! Da ist es dann auch egal, wenn jemand behauptet, das sei aus diesem und jenem Grund erforderlich. Sollen die anderen Länder ihre Rentensysteme reformieren, jede steife Brise von Globalisierung oder Wettbewerb möge bitteschön von uns ferngehalten werden. Den SZ-Kommentar über diese seltsame Verbindung zwischen Revolution und Konservativismus in Frankreich und das damit verbundene unbedingte Festhalten an einmal erworbenen sozialen Besitzständen möchte ich euch nicht vorenthalten.

Ein kleiner Ausblick noch nach Ende der Tirade: Wenn ich mich nicht täusche, soll noch diese Woche der Proteste mehr oder minder ungeachtet das Reformgesetz verabschiedet werden. Sarkozy solls nach Ansicht einiger im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen 2012 ganz recht sein, dass er so schön die Nase in den Wind halten kann und sich, den Trubel einmal überstanden, rühmen kann, Kurs gehalten und nur das Beste für die Nation erreicht zu haben. Nichtsdestotrotz steht die Kriegserklärung bestimmter streikender Gruppen an die Gesellschaft weiterhin. Meinem Eindruck nach systematischer als anderswo wird hier das Wirtschaftsgefüge richtiggehend sabotiert, und nüchtern kalkuliert man seine Schlagkraft in Prozent des BIP, die man „dem Patronat“ entreißt, und sich in gewisser Weise diebisch darüber freut. Hach, was können wir viel Schaden anrichten! Auch nicht gerade demokratisch, nebenbei bemerkt, wenn eine kleine Gruppe Lastwagenfahrer es mittels einer „Operation Schnecke“ (heißt wirklich so!) schafft, sämtlichen Verkehr zum Stillstand zu bringen. Ralf hat heute schon den Teufel von Nichtsgehtmehr, Hamsterkäufen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen an die Wand gemalt, wenn Sarkozy tatsächlich die anscheinend ausgesprochene Drohung wahrmachen sollte, die Armee gegen das eigene streikende Volk einzusetzen. Soweit wird es nun doch nicht kommen, das Militär beginnt zunächst mal damit, müllmäßig klar Schiff zu machen. Dennoch: Man darf auf die kommenden Wochen gespannt sein.

Das solls gewesen sein mit dem „Brennpunkt“ zu diesem hochbrisanten Thema. Wir bedauern die dadurch entstandenen Programmverschiebungen. Der „Tatort“ beginnt voraussichtlich um 20.37 Uhr.

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